Handwerk hat goldenen Boden

Ein Satz, der auch in Kenya seine Berechtigung hat. Selbst mit den deutlich geringeren Lohnkosten, die hier vorzufinden sind, sind gute Handwerker sehr gefragt. Ein paar Beispiele:

Beim Thema Autokauf hatten wir es schon: die erste Inspektion nach dem Kauf ist Pflicht. Für 3 Stunden Werkstattaufenthalt mit Ölwechsel samt Filter, Luft- und Innenraumfilter wechseln, Expander Einbau, gründliche Durchsicht anschliessende noch gründlichere Wäsche innen und außen wurden umgerechnet 15 € Lohn aufgerufen. Nicht pro Stunde! Insgesamt!

Die Spezialisten für die Fenstertönungsfolie spielen gleich in einer anderen Liga (und der Materialanteil von 3M sollte nicht geringgeschätzt werden). Für die Rundum-Privacy-Verglasung fielen 10.000 KES an. Bestenfalls 30 % davon dürften nach meiner Schätzung Lohn gewesen sein.

IKEA hat in Kenia noch nicht Fuß gefasst. Und man muss nicht sonderlich traurig darüber sein. Wer Möbel braucht besucht in Nairobi die Ngong Road. In Höhe des Race Course (Trapprennbahn) finden sich entlang der Straße dutzende von kleinen Schreiner- Metallbauwerkstätten, die Möbel auf Wunsch und nach Mass fertigen. Oder sagen wir lieber: individuell. Masse sind eher variabel. Alles echte Handarbeit eben. Um zu Hause einen ordentlichen Arbeitsplatz zu haben und auch um mal Gäste vernünftig bewirten zu können, stand die Anschaffung eines Esstischs mit Stühlen an.

Es braucht etwas Verhandlungsgeschick (und idealerweise einen Einheimischen, der die Verhandlung führt um dem Muzungu-Aufschlag zu entgehen) und vorallem ein Auge für Details was die Fertigung angeht. Massabweichungen hier und da sind eines, etwas grob zusammen geschustertes – auch das findet sich – etwas ganz anderes. Wir fanden gleich zwei sehr gute Schreiner, einer der einen Tisch – 190 x 80 cm in Mahagoni – der uns gefiel auf Lager hatte und einen zweiten der ein paar Stühle anbot, die nur geringe Änderungen brauchten um uns zu gefallen. Allerdings wurden nicht die vorhandenen Stühle angepaßt. Stattdessen wurden Stückers 6 komplett neu in Mahagoni über die Osterfeiertage für uns gefertigt. Auftrag am Mittwoch erteilt, Stühle am Ostermontag abgeholt! Für das komplette Ensemble wurden 40.000 KES fällig – umgerechnet ca. 350 €. Mal abgesehen vom notwendigen Papierkram (und den damit verbundenen Kosten) um Mahagoni nach Europa zu importieren, selbst in heimischer Eiche beim Schreiner um die Ecke wäre ein sehr ordentlicher 4-stelliger Betrag fällig geworden.

Zwei Transportfahrten á 2500 KES und 1000 KES für Leinöl um die (bewusst so bestellt) unbehandelten Stühle auf Glanz zu bringen sind aufzuaddieren. Immer noch ein Preis bei dem es sich lohnt darüber nachzudenken wie die Möbel eines fernen Tages mal nach Europa kommen um dort den nächsten Generationen zu dienen. Denn: ein gutes Möbel hält mindestens so lange, wie der Baum, der dafür verwendet wurde wieder nachgewachsen ist. Etwas das man für diese massiven Teile definitiv unterschreiben kann.